Friedel, wir danken dir!

25
11
2017

In unserem heutigen «Stelzbock» nehmen wir Abschied von unserem Meistertrainer Friedel Rausch.

Den «Stelzbock» veröffentlichen wir für einmal auch auf unserer Webseite. Zusätzlich stellen wir das ausführliche Interview mit CEO Marcel Kälin über die Meistersaison und Friedel Rausch, welches in gekürzter Form auch im «Stelzbock» abgedruckt ist.

«Stelzbock»-Sonderausgabe «Luzern im Rausch» vom 25.11.2017

 

FCL-Geschäftsführer Marcel Kälin war Teil der magischen FCL-Schweizermeister-Mannschaft von 1989. Auch wenn er nicht zu Friedel Rauschs Stammkräften zählte, erlebte er die unvergessliche Saison 1988/89 als Spieler hautnahe mit. Im Interview gewährt er uns Einblicke in das glorreichste Jahr der Vereinsgeschichte und teilt mit uns seine persönlichen Erinnerungen an Friedel Rausch.

Marcel, du hattest ja nicht so viele Einsätze unter Friedel Rausch. Das ist doch so?
Nein, ich hatte wirklich nicht viele Einsätze. Also in der Vorbereitung schon, darunter zwei, drei gute Spiele die ich nie vergessen werde. Ich bin gegen Juventus reingekommen, welches jeweils das Sommer-Trainingslager hier abgehalten hat. Da durfte ich eine Halbzeit lang spielen und ich habe auch ganz gute Erinnerungen an ein Spiel in Kaiserslautern, wo wir an einem Sommer-Cup gespielt haben. Ich weiss nicht mehr, wie das genau hiess, da das schon so lange zurück ist. Aber dort durfte ich auf jeden Fall auch spielen. Danach war ich leider verletzt, aber später natürlich wieder immer im Training. Einen guten Kontakt den ich durch Friedel hatte, war Dr. Müller-Wohlfhart, zu dem ich nach Bayern durfte, weil ich verletzt war und unsere Ärzte nicht genau wussten was ich habe. Auch das war im Nachhinein eine gute Erfahrung, dass ich mich von einem Spitzen-Arzt behandeln lassen konnte.

Dann war also vor allem die Verletzung der Grund weshalb du nur selten gespielt hast oder gab es noch andere Gründe? Hat es dir vielleicht auch einfach nicht gereicht?
Marcel Kälin zögert und lacht.
Ich hatte auch ein wenig Pech. Für den FC Luzern war es eine sensationelle Saison. Die haben immer gewonnen und dann muss der Trainer ja nichts umstellen. In der heutigen Situation in der wir uns befinden hätte ich sicherlich mehr gespielt, weil wir in der Tabelle aktuell nicht so gut klassiert sind. Da muss ein Trainer natürlich etwas mehr machen. Aber er hat da seine Mannschaft gefunden und für die Nummern 12 bis 18 war es einfach viel schwieriger um reinzukommen

Nach den Spielen habt ihr jeweils noch «Mätschli» gespielt, anstatt auszulaufen. Kamst du wenigstens dann zum Zug?
Ja, nicht nach Meisterschaftsspielen, aber vor allem nach dem Training haben wir oftmals «Mätschli» gespielt. Friedel hat da immer auch mitgespielt. Er war eher links vorne, wollte immer schöne Pässe in die Füsse erhalten und wenn diese nicht so genau gespielt wurden... Es hat niemand gerne mit Friedel zusammengespielt. Er war sehr ehrgeizig.

Und man durfte ihn nicht decken?
Genau. Und wenn du zu nahe an ihn rangekommen bist, dann hast du sein spitzes Knie am Oberschenkel gespürt. Es war wirklich so. Aber er war mit vollem Eifer dabei und immer noch überraschend gut. Er hat das Fussballspielen bis dahin nicht verlernt.

Das klingt nach sehr viel Spielfreude beim FCL.
Ja, wir hatten Spass. Ich mag mich erinnern, dass wir viel Fussball-Tennis gespielt haben und Friedel hat auch mitgespielt. Zwei gegen zwei oder drei gegen drei. Er wollte immer mitspielen. Man hat bei ihm die Freude am Fussball wirklich gespürt. Wir hatten wirklich Spass. Auch die Ersatzspieler waren voll integriert. Er hat beispielsweise gesehen, dass ich als Stürmer nicht immer so «happy» war. Friedel meinte: «Marcel, du darfst nach dem Training mit dem und dem Flanken üben.» Ich durfte dann in den Sechzehner, Direktabnahmen und Kopfbälle üben. Er hat dazu auch renommierte Spieler abgestellt und ihnen gesagt «du musst jetzt für Marcel Flanken schiessen». So kam ich auch zu meinen Erfolgserlebnissen. Er hat wirklich zu allen geschaut.

Wie man hört wurden die Trainings auch von vielen FCL-Fans besucht.
Der Vorteil gegenüber von heute ist, dass wir damals in Luzern nicht nur eine Zeitung hatten. Wir hatten das «Tagblatt», «Vaterland» und «LNN». Die haben damals auch Geschichten gesucht, aber meistens keine negativen Geschichten. Irgendwann hat man dann sowieso nur noch positiv über den FCL geschrieben. Und weil die Journalisten positiv eingestellt waren, färbte sich diese positive Haltung auch auf die Fans ab. Uns hat sicherlich auch geholfen, dass wir es mit den Journalisten gut hielten. Die waren praktisch an jedem Training und fast wie Kollegen für uns. Es waren aber auch Fans anwesend, teilweise Arbeitslose oder Handicapierte, welche viel an den Trainings dabei waren. Das gab natürlich auch eine gute Beziehung zu den Fans. Ich mag mich erinnern: Ich hatte in Einsiedeln mein Abschiedsspiel, wo ich damals in der ersten Liga spielte und Torschützenkönig wurde und von da aus zum FCL stiess - FC Einsiedeln gegen den FC Luzern ... Das war irgendwann im August. Da gingen Fans zu meinen Eltern nach Hause und klingelten und fragten «Wo esch de Marcel?». Meine Eltern haben denen dann ein Kaffee gemacht. Es war damals noch eine andere Zeit, habe ich das Gefühl und man war sich viel näher. Die fuhren mit dem «Töffli» von Luzern nach Einsiedeln und haben den Kontakt zu den Spielern selber gesucht. Und wir waren auch alle offen dafür.

Und Friedel Rausch pflegte das auch so?
Er hat uns Freiheiten gelassen. Entweder am Dienstag oder am Donnerstag gingen wir zusammen in den Ausgang. Er wusste das und selbst in einer schlechteren Phase hat er das nie verboten. Und wir waren bestimmt nicht die liebsten.
Kälin muss lachen.
Wir hatten diese Zeit genossen. Da hattest du noch keine Smartphones und warst am anderen Tag nicht gleich im Blick. Wir hatten eine coole Zeit und hatten es in der Mannschaft auch privat gut miteinander. Einmal waren wir bei Roger Wehrli in Suhr, ein anderes Mal bei Jürgen Mohr in der Wohnung... Untereinander hatten wir es wirklich gut. Ich persönlich habe auch nichts von der Spannung mitgekriegt, welche anscheinend zwischen Jürgen Mohr, Friedel Rausch und Roger Wehrli aufkam. Mit Jürgen Mohr hatte ich es damals sehr gut. Aber es drang nichts nach aussen, dass zwischen ihm und Friedel nicht mehr alles so harmonisch war. Und ich weiss bis heute nicht, wieso es dazu kam und was da genau vorgefallen ist. Aber beide standen über der Sache.

Diese Ausgänge stelle ich mir noch lustig vor. War da Friedel Rausch nie dabei?
Nein, das war jeweils der Tag, an dem er nicht mitgekommen ist. Da hatte er der Mannschaft wirklich alle Freiheiten gelassen. Er hat dann lieber wieder bei «Mätschlis» mitgespielt und hat sich so integriert. Da stand er nicht die ganze Zeit ausserhalb des Trainingsfeldes, sondern hat sehr oft selber mitgemacht.

Man kann jetzt von vielen Seiten und verschiedenen Vereinen Nachrufe lesen und spürt überall heraus, dass Friedel Rausch sehr beliebt war. Was denkst du, wieso er so Vielen sympathisch in Erinnerung geblieben ist?
Weil er sehr offen war und auf die Leute zuging. Er hatte keine Hemmungen. Ich hatte später im Tennis-Club wieder Kontakt mit ihm. Auch ausserhalb des Fussballs hatte er schnell ein Netzwerk aufgebaut. Er ging auf die Menschen zu, aber dennoch nicht hier in den Ausgang, sondern verkehrte vor allem in seinem Kreis. Und er war ehrlich und direkt.

In der Meisternacht warst du dann aber schon wieder aktiver, als auf dem Fussballplatz?
Ja! Wir haben im Zelt gefeiert.
Kälin muss erneut lachen.
Ich wollte damals mein Trikot einpacken, damit ich das als Erinnerung habe. Irgendwann war dann eine Guggen-Musik und Fans in der Kabine, aber von meinen Sachen war nichts mehr da. Lediglich die Fussballschuhe hatte ich noch. Sonst war alles weg.

Weisst du wirklich alles noch so genau oder eher vom «Hören-Sagen»?
Ja, alles weiss ich nicht mehr.
Er unterbricht sich selber mit einem Lachen.
Ich weiss nicht mehr wann ich nach Hause kam.

War Friedel Rausch auch so lange unterwegs oder war er zurückhaltender an der Meisterfeier?
Am Anfang war er voll dabei... Es kommen mir einfach vereinzelte Erinnerungen in den Sinn. Wenn ich den Bericht im deutschen Fernsehen sehe, dann kommen die Erinnerungen wieder. Da sieht man auch, dass wir damals noch gut ausgesehen haben.
Kälin muss über seinen letzten Satz lachen. Ich sehe ihn an und muss ebenfalls lachen.
Ich weiss einfach noch, dass die Spieler irgendwann überall verteilt waren. Keiner wusste genau, wo der andere ist. Das «Altstädli» war da so ein Treffpunkt oder das «Brüggli», das Casino, aber auch Clubs.

Friedel Rausch hat den FCL und damit Luzern 1992 verlassen und andere Aufgaben wahrgenommen. Warum denkst du, ist Friedel zurückgekommen und hat sein Rentner-Dasein am Vierwaldstättersee verbracht und nicht woanders?
Ihm hat es hier gefallen. Es war wie das Paradies für ihn. Hier hatte er den See, die Berge waren in der Nähe und der Charakter von uns Luzernern hat ihm gepasst. Er hat hier viele Freunde gefunden und ich glaube auch seiner Ehefrau und seinen Kindern hat es hier gefallen. Schliesslich sind sie ja hiergeblieben. So wie ich es im Kopf habe, hatten sie immer ein Haus hier. Ihm haben die Region und die Leute gepasst.

Friedel Rausch hat einmal gemeint, dass überall wo er war, Rentner das grösste Fussballsachverständnis gehabt hätten. Hat er sein Know-How in seinen letzten Jahren auch an den FCL weitergegeben beziehungsweise den Verein beraten?
Er kam ja um das Jahr 2004 nochmals zurück, um dem FCL in der NLB zu helfen. So genau weiss ich das auch nicht, wie sehr er sich ins Geschehen einmischte, da ich zu der Zeit weg vom Fussball war. Ich hätte seit meiner neuen Funktion beim FCL gerne ab und zu mit ihm geredet. Kälin, einst FCL-Profi unter Rausch und heute FCL-CEO. «Der Charakter von uns Luzernern hat ihm gepasst. Schliesslich haben wir nicht weit voneinander entfernt gewohnt und uns ab und zu beim Joggen oder wenn er mit dem Hund laufen ging, getroffen. Dann hatten wir immer gute Unterhaltungen. Irgendwann hatte er aber einen Unfall und es ging ihm nicht mehr so gut, weshalb er auch nicht mehr so oft rausging. Ich hätte mich in der aktuellen Phase gerne mit ihm ausgetauscht und ich bin mir sicher, dass er mir in solchen Situationen hätte helfen können. Denn er hatte ein breites Wissen.

Aber hast du das Gefühl, dass die Verbindung zum FCL immer da war?
Hier wo er Meister und Cupsieger wurde. Zwangsläufig. Nein, das ist das falsche Wort. Er war natürlich die Kultfigur und es hiess «das esch de Meischter, de Cupsieger». Das hat ihn auch stolz gemacht. Der FCL hatte ja nur diese Erfolge. Paul Wolfisberg hat in etwa die gleiche Bedeutung für den Verein. Er ist auch Cupsieger und zudem Luzerner. Friedel war einer, der aus der Fremde kam, aus Deutschland. Er hat dem Verein Selbstvertrauen gegeben und das Profitum eingeführt. Insgesamt hat er wahnsinnig viel für den FCL gemacht. Der Erfolg gab ihm recht. Mühsam war natürlich der Abstieg, der die Stimmung etwas dämpfte. Für ihn war der Club und die Region aber ideal. Er musste den Erfolg mit niemandem teilen. Wäre er bei Schalke geblieben... Gut, die haben auch nicht viele Erfolge feiern können, aber bei den Bayern beispielsweise wäre er nur einer unter vielen gewesen. In Luzern ist er zu einer Kult-Figur geworden.

Gibt es etwas, was du von Friedel Rausch über das Leben oder den Sport gelernt hast?
Als ich damals (vor der Meistersaison) den Vertrag beim FCL unterzeichnet hatte, habe ich sofort bemerkt, dass er offen und direkt ist. Und er hat dir Selbstvertrauen vermitteln können. Das war eine Stärke von ihm. Als ich dann ein eigenes Unternehmen führte, konnte er mir die Parallelen zwischen Sport- und Unternehmenswelt aufzeigen. Irgendwie die deutsche Mentalität. Und das konnte er sehr gut vermitteln – ohne, dass er arrogant rübergekommen wäre.

Wenn du noch einmal einen Moment mit Friedel Rausch erleben könntest, für welchen würdest du dich entscheiden?
Marcel Kälin pausiert, aber sein Grinsen verrät, dass er genau weiss, welchen Moment. Dann lacht er. Das letzte Tennis-Match, welches wir gegeneinander gespielt haben... Dieses habe ich gewonnen. Kälin lacht und es klingt, als ob das nicht der Normalfall war.
Im Nachhinein würde ich dieses Spiel absichtlich verlieren, um ihm noch ein Erfolgserlebnis zu gönnen.

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